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Der Umgang mit der Serie „Selling Sex“ ist verroht, einseitig und mitunter hasserfüllt. Das hat Auswirkungen auf die Debatte über Sexarbeit und Menschenhandel und trifft Sexarbeiter*innen direkt. Wir fordern mehr Differenziertheit, sachliche Argumente und Stimmen von Betroffenen in der Debatte über Sexarbeit. Hass und Populismus schaden Sexarbeiter*innen.

In der ARD-Mediathek ist die Serie „Selling Sex“ abrufbar. 6 Episoden erzählen die Geschichte von Wirtschafts-Studentin Nelly. Nelly entscheidet sich, den Teufelskreis aus unbezahlten Praktika, miesen Nebenjobs und daraus angehäuften Schulden mit Sexarbeit als Escort zu durchbrechen.

Die sehenswerte Serie kreist um junge Erwachsene, Sexualität und Datingverhalten. Manche der Charaktere haben kreative Berufe und benötigen Aufmerksamkeit für ihre Projekte, Protagonistin Nelly repräsentiert eine Generation von Menschen an Hochschulen oder Universitäten, die sich von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten hangeln und über hohe Lebenshaltungskosten, Studiengebühren und Niedriglohnjobs in finanzielle Not geraten. Relevanter Stoff also, in dem sich sicher viele Personen wiedererkennen.

Inhaltlicher Sprengstoff entsteht, als Nelly in der ersten Episode während eines Kellner-Einsatzes eine Bekannte trifft. Denn Nellys Bekannte ist auch „beruflich“ auf dem Event, bei dem Nelly kellnert – und zwar als Escort. Zwei Jobs und doch schildert die Serie die Ausgangslage der beiden Frauen komplett unterschiedlich. Nelly im Kellner-Livree wird zurechtgewiesen, als sie auf’s Handy schaut, ihre Bekannte dagegen wird chic gekleidet und offenkundig in Partylaune präsentiert. Die Escort trinkt den Champagner, den Nelly serviert. Nelly entscheidet: Schluss mit dem miesen Nebenjob und stellt sich bei einer Escort-Agentur vor.

Diese kleine Geschichte markiert den vermeintlichen Tabubruch der Serie „Selling Sex“: Denn die Serie schildert Sexarbeit nicht als per se brutale, fremdbestimmte Gewalt, sondern thematisiert Nellys Werdegang als Escort mit Höhen und Tiefen. Und genau darüber haben deutsche Medien seit Langem eine Art Nachrichtensperre verhängt.

Wer das Thema Sexarbeit verfolgt, kennt Berichte über Studierende, die ihr Studium so finanzieren. In den Sozialen Medien gibt es reichweitenstarke Accounts über die Arbeit als „spicy showgirl“, Stripper*in oder Escort. Wer will, findet Lebensrealitäten, wie die von Nelly, in denen Menschen eine Entscheidung für diese Arbeit getroffen haben, und dann eine Vielzahl unterschiedlicher Erfahrungen machen. Wie hoch der Anteil von Escortanbietenden in der Sexarbeit ist, lässt sich nicht quantifizieren. Qualitative Forschung der letzten Jahre belegt allerdings, dass ihr Anteil höher als durch Medien und Politik vermutet liegen dürfte. In diesem Zusammenhang ist auch folgender Befund interessant: Die bislang größte Befragung von Sexarbeitenden im Rahmen der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen aus dem Jahr 2025 zeigt ein durchaus anderes Bild als das der amtlichen Statistik: Von den 2.350 befragten Sexarbeitenden besaßen insgesamt 44,6 % die deutsche Staatsangehörigkeit, während dies in der ProstSchG-Statistik 2023 lediglich auf rund 18 % der angemeldeten Personen zutraf. Weiter zeigt die Evaluation, dass nur rund 42 % der Befragten ausschließlich von Sexarbeit leben und ein erheblicher Teil nicht nach dem ProstSchG angemeldet ist. Diese Ergebnisse stehen in einem auffälligen Kontrast zu vermeintlichen Gewissheiten, die in Debatten über Sexarbeit immer wieder angeführt werden – etwa der Behauptung, dass nur ein kleiner Teil die deutsche Staatsangehörigkeit besitze, wofür regelmäßig die ProstSchG-Statistik herangezogen wird, obwohl diese ausschließlich angemeldete Sexarbeitende erfasst. Interessant ist aber vor allem, wie mit den deutlich abweichenden Ergebnissen der Evaluation umgegangen wird: Von Anti-Sexwork-Organisationen wie TERRE DES FEMMES wird der wesentlich höhere Anteil deutscher Sexarbeitender in der Befragung als Hinweis darauf interpretiert, dass das Sample der Evaluation verzerrt sei. Man kann die Frage allerdings ebenso in die andere Richtung stellen: Was, wenn nicht die Evaluation ein verzerrtes Bild zeichnet, sondern die amtliche Statistik nur einen bestimmten Ausschnitt der Sexarbeit abbildet? Schließlich erfasste die Evaluation auch Menschen, die nicht angemeldet sind, Sexarbeit nur nebenberuflich ausüben oder nicht ausschließlich davon leben. Vielleicht zeigt die Abweichung daher vor allem eines: dass die Lebensrealitäten in der Sexarbeit vielfältiger sind, als es die häufig herangezogenen amtlichen Zahlen vermuten lassen.

Verkniffene Rezensionen

Die deutschen Medienberichte zur Serie offenbaren eine sexarbeitsfeindliche Schlagseite. Stefans und Christians fällen Urteile wie „Legende“, „Illusionen“ oder „Anleitung“ zur Prostitution“ über Nellys Geschichte. Stimmen aus der Sexarbeit, Beratung oder Forschung fehlen dagegen vollständig. Ein verdrossener, dickköpfiger Mangel an Interesse und Neugier prägt den Ton dieser Texte, die nicht debattieren, sondern um sich selbst kreisen. Offenkundig löst eine für die Mehrheit der Medienschaffenden unerwartete Geschichte bei jenen kein Interesse, sondern Widerwille und Rechthaberei hervor. …

Der deutsche Journalismus hat sich beim Thema Sexarbeit in gefühlten Gewissheiten bequem eingerichtet: „Prostitution“ ist demnach ein inhärent menschenunwürdiges Gewaltverhältnis. Beim Urteil über die ARD-bewirkt dies Folgendes: Statt darüber zu sprechen, wieso Studierende Sexarbeit machen und Nellys Erfahrungen zu debattieren, verlagert ein Großteil der Beiträge den Fokus darauf, wie ungehörig sie es finden, Sexarbeit nicht als Ausdruck von Gewalt und Kriminalität darzustellen.

An deutsche Medien durch Forschung, Sexarbeitende oder Beratungsstellen gerichtete Forderungen nach mehr Differenzierung oder Analyse fruchten seit Jahren kaum. Der Tenor deutscher Medien lautet: „Prostitution“ hat es nicht zu geben dürfen, und verstellt sich damit der Realität. Wer sich diesem unausgesprochenen, nichtsdestotrotz verbindlichen Mantra nicht unterwirft, dem kann gewaltverherrlichende Mittäterschaft vorgeworfen werden. Solche Unterstellungen haben massive Konsequenzen für eine Debatte, der es bedauerlicherweise ohnehin an Sachlichkeit und Repräsentation mangelt.

Die Kreatorinnen und die Produktionsfirma Mia Wallace der Serie „Selling Sex“ erleben das derzeit hautnah. Marie C. König hat 10 Jahre als Escort gearbeitet, Miriam Dehne in einem Berliner Bordell als Wirtschafterin und für das sexpositive TV Erotik Magazin „Liebe Sünde“. Unser Standpunkt: Hört Sexarbeiter*innen zu! Insbesondere, wenn sie Außenstehenden Dinge über sich, ihr Leben und ihre Arbeit verraten, die für die allermeisten neu sein dürften.

Empörungsspiralen und Kampagnen

Gewissheitsjournalismus ist das eine. Dazu kommt die Reaktion der deutschen Anti-Sexarbeits-Bewegung. Eine reichweitenstarke Stimme gegen „Prostitution“ teilt kurz nach Veröffentlichung der Serie einen empörten Post zu „Selling Sex“ auf Facebook und Instagram. Sie habe die Serie zwar nicht gesehen, dafür aber ein Interview mit einer der Kreatorinnen in einem österreichischen Medium gelesen, das bei der Erwähnung von Prostitution nicht grundsätzlich nach Verboten ruft. Wütend übt die Aktivistin Fundamentalkritik an einer der Kreatorinnen und am „ÖRR“ und den „Gebühren“. Eine Flut von erbosten, teils gewaltverherrlichenden Aussagen schwappt durch die Kommentarspalten der Posts. Dort werden Briefe an die ARD vorformuliert. Als eine der Kreatorinnen von „Selling Sex“ sich einmischt, wird sie beschimpft. „Frauenverräterin“ urteilt eine der Vorstandsfrauen des Bundesverband Nordisches Modell e.V., manche wünschen der Kreatorin, sie möge Gewaltopfer werden. Manche der extremsten Kommentare wurden wieder gelöscht, wurden zuvor aber dokumentiert.

Währenddessen erhält die ARD eine Fülle von Protestbriefen. Kurzum: der Druck auf die Serie und ihre Macherinnen wächst. Auf dem Filmfest München, in Reviews und Streaming-Empfehlungen, Podcasts und Radiosendungen wird die Serie positiv besprochen. Auch einige Sexarbeiter*innen begrüßten die Serie als ein „Puzzlestück“, das bislang in der deutschen Medienlandschaft fehlte. Ein Puzzlestück in einem komplexen Bild. An diesem komplexen Gesamtbild scheint die aufgeregte Debatte um Sexarbeit und Menschenhandel schon lange das Interesse verloren zu haben.

Für uns ist die Unterscheidung entscheidend: In „Selling Sex“ geht es nicht um Menschenhandel oder sexuelle Zwangsarbeit – dazu gibt es eigene, notwendige Beiträge und Debatten –, sondern um Sexarbeit. Wer diesen Unterschied verwischt, trifft eine Entscheidung zugunsten Undifferenziertheit und gegen Ambivalenz und Ambiguität. Die organisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung tut genau das:

Kampagnen + Aufruhr = Druck

Vorbildlich für den aktuellen Protest gegen „Selling Sex“ sind Moralpaniken und Empörungsstürme und daraus abgeleiteter teils massiver Druck auf Institutionen. Zwei Beispiele: Die genannten Elemente prägten 2025 die gescheiterte Verfassungsrichterinnenwahl von Frauke Brosius-Gersdorf. Damals hatte ein Zusammenspiel aus Medienbeiträgen und dem kampagnenförmige Schreiben von Protestbriefen – in diesem Fall an Abgeordnete der CDU – großen Einfluss und verhinderte am Ende die formale Wahl der Kandidatin. Ähnliches ließ sich auch in der zunächst unsachlichen Debatte um Leihmutterschaft 2026 beobachten, in der es wiederum lange dauerte, bis Leihmütter oder Leihmutterschaftnutzende zu Wort kamen. In beiden Fällen bestehen deutliche Parallelen zum aktuellen Angriff auf die Serie „Selling Sex“.

Und die Parallelen erstrecken sich auch auf die Netzwerke hinter den Kampagnen: eine Allianz aus bürgerlicher Frauenrechtsbewegung und christlichem Fundamentalismus sowie (ultra-) konservativen bis extrem rechten Organisationen nimmt Einfluss auf schwelende gesellschaftliche Debatten. Inhaltlich kreisen diese Debatten um reproduktive und sexuelle Rechte, höchstpersönliche Entscheidungen und um Fragen körperlicher Autonomie.

Wir wissen, solche Debatten bedürfen Sachlichkeit, unterschiedlicher Perspektiven sowie Ambivalenz und Ambiguität. Empörte Kampagnen, wüste Beschimpfungen und implizite Gewaltandrohungen verhindern das. Sexarbeiter*innen erleben bereits ohne solche entgrenzten Eskalationen massive, gesellschaftliche Ausschlüsse und Diskriminierung. Verschärft sich die Debatte weiter auf oben genannte Weise, hat das Auswirkungen darauf, wer sich an ihr noch beteiligen kann. Viele Sexarbeiter*innen sagen bereits heute:

„Zu Stigma und Diskriminierung gegenüber Sexarbeiter*innen in der gesamten Gesellschaft kommt Hass und Anfeindungen aus der Anti-Sexarbeits-Bewegung.“

Die emotionale Entgleisung der Debatte zeigt sich aktuell in Ablehnung und Widerwillen gegen die Serie „Selling Sex“. Das betrifft zunächst unwilligen und ignoranten Journalismus, im zweiten Schritt eine laute und zunehmend radikalisierte Anti-Sexarbeits-Bewegung: Verabredungen zum Protestbriefeschreiben, Bündelung von Empörungsspiralen, Förderung von Moralpaniken über Multiplikator*innen / Influencer*innen und deren Follower*innen in den Sozialen Medien. All das nimmt Einfluss auf eine Debatte, die bereits ohne die eben beschriebenen neuen Aspekte kompliziert und einseitig war.

Solidarität mit den Kreatorinnen und Produzentinnen der Serie Selling Sex

Wir solidarisieren uns daher mit den Kreatorinnen Marie C. König und Miriam Dehne sowie den Produzentinnen Pauline Striebeck und Estella Sublit von Mia Wallace der Serie „Selling Sex“. Die ARD sollte mehr solche Produktionen ins Programm nehmen. Deutsche Medienschaffende sollten ihre oft voreingenommene Haltung gegenüber Sexarbeit und Sexarbeiter*innen reflektieren. Darüber hinaus fordern wir Menschen auf, Sexarbeitsfeindlichkeit in Medien, Journalismus und auf Social Media entgegenzutreten.

Für eine sachliche und breite Debatte über Sexarbeit!

Am 28. September ist Safe Abortion Day: Der internationale Aktionstag für das Recht auf einen sicheren Schwangerschaftsabbruch. Entstanden ist er 1990 beim Lateinamerikanischen und Karibischen Feminist*innentreffen in Argentinien, als „Campaña 28 Septiembre“ für die Entkriminalisierung von Abbrüchen. Heute machen weltweit Frauenrechts- und Menschenrechtsorganisationen an diesem Tag auf die Missstände beim Zugang zu sicheren Abbrüchen aufmerksam.

Medizinisch ist die Sache klar: Die WHO stuft einen fachgerecht durchgeführten Schwangerschaftsabbruch als einfachen, sicheren Eingriff ein. Gefährlich wird er dort, wo er kriminalisiert, stigmatisiert oder schwer zugänglich ist. Weltweit betrifft das nach WHO-Schätzungen weiterhin über 25 Millionen unsichere Abbrüche pro Jahr. Nicht der Eingriff macht ihn riskant, sondern die Umstände, unter denen er stattfinden muss.

Auch in Deutschland ist ein Abbruch bis heute nicht legal, sondern nur unter bestimmten Bedingungen straffrei. § 218 StGB besteht fort. 2022 wurde immerhin das Werbeverbot nach § 219a StGB gestrichen, sodass Ärzt*innen endlich sachlich informieren dürfen. Das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung fordert seither weiter: die ersatzlose Streichung der §§ 218 und 219 StGB, eine wohnortnahe medizinische Versorgung und Schwangerschaftsabbruch als festen Teil der gynäkologischen Ausbildung. Jedes Jahr rund um den 28. September finden bundesweit Aktionstage und Demonstrationen statt, zuletzt unter Mottos wie „Schwangerschaftsabbruch ist Grundversorgung, egal wo, egal wer, egal warum“.

Kriminalisierung trifft nie alle gleich. Wer Angst vor Strafe, Bloßstellung oder Ausweisung hat, sucht seltener rechtzeitig Hilfe. Besonders hart trifft das Menschen ohne gesicherten Aufenthalt und ohne Versicherung, ebenso Sexarbeitende, die ohnehin schon stigmatisiert und rechtlich unsicher leben und denen es doppelt schwerfällt, offen über reproduktive Gesundheit zu sprechen.

Reproduktive und sexuelle Selbstbestimmung gehören zusammen: Das Recht, ohne Zwang über den eigenen Körper zu entscheiden, sei es über eine Schwangerschaft oder über Sexualität und Arbeit. Wie es das ver.di-Bündnis zum diesjährigen Aktionstag formuliert: Selbstbestimmung über den eigenen Körper darf nicht vom Wohnort oder politischen Mehrheiten abhängen.

Sicherer Schwangerschaftsabbruch für alle bedeutet: Entkriminalisierung statt Strafverfolgung, Versorgung statt Wegschauen, Selbstbestimmung statt Bevormundung.

Am 14. September ist Sex Worker Pride Day, ein Tag, der weltweit an die Stärke, den Zusammenhalt und die Selbstbestimmung von Sexarbeiter*innen erinnert. Auch wir bei Madonna e.V. in Bochum stehen an diesem Tag, und an jedem anderen, solidarisch an der Seite der Menschen, für die wir arbeiten.

Worum geht es an diesem Tag?

Der Sex Worker Pride Day wurde 2019 vom Global Network of Sex Work Projects (NSWP) ins Leben gerufen. Er ist einer von vier internationalen Aktionstagen der Sexarbeiter*innenbewegung, neben dem 3. März (International Sex Workers' Rights Day), dem 2. Juni (International Whores' Day) und dem 17. Dezember (International Day to End Violence Against Sex Workers).

Während es an den anderen Tagen oft um Rechte, Gewaltprävention oder politische Forderungen geht, steht der 14. September für etwas anderes: Stolz. Laut dem Global Network of Sex Work Projects (NSWP) richtet sich der Tag an alle, die durch Kriminalisierung, Diskriminierung und Stigmatisierung ausgegrenzt werden, und würdigt die Vielfalt innerhalb der Sexarbeiter*innen-Community. (NSWP, 2019, zitiert in: HIV Justice Network)

Warum das auch in Bochum wichtig ist

Sexarbeit ist Arbeit. Diese einfache Aussage ist für viele Menschen in unserer Beratungsarbeit alles andere als selbstverständlich, im Alltag begegnen ihnen stattdessen Vorurteile, Scham und rechtliche Hürden. Der Pride Day erinnert uns daran, dass Wertschätzung und Respekt keine Ausnahme, sondern die Regel sein sollten.

Auch die Organisation TAMPEP, ein europäisches Netzwerk zur Gesundheitsförderung von Sexarbeiter*innen, betont, dass der Tag dazu dient, die geführten Kämpfe und erreichten Fortschritte anzuerkennen und zu feiern, in der Gewissheit, dass die Bewegung stark und geeint bleibt für die Auseinandersetzungen, die noch bevorstehen. (TAMPEP, The Sex Worker Pride Day, 14th September)

Als Fachberatungsstelle setzen wir uns Tag für Tag dafür ein, dass Sexarbeiter*innen in Bochum und im Ruhrgebiet gehört werden, unabhängig davon, unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Wir wollen ihnen Zugang zu Beratung, Gesundheitsversorgung und rechtlicher Unterstützung ermöglichen, ihre Selbstbestimmung respektieren und dazu beitragen, dass sie sicher arbeiten können, frei von Gewalt, Ausbeutung und Stigma.

Was wir uns wünschen

Sichtbarkeit ohne Selbstbestimmung bringt wenig. Deshalb ist uns an einem Tag wie diesem besonders wichtig: Wir sprechen nicht über Sexarbeiter*innen, sondern hören zu, unterstützen und schaffen Räume, in denen ihre eigenen Stimmen im Mittelpunkt stehen.

Wenn Sie selbst in der Sexarbeit tätig sind und Beratung, Unterstützung oder einfach ein offenes Ohr suchen, sind Sie bei Madonna e.V. herzlich willkommen. Und wenn Sie sich als Außenstehende solidarisch zeigen möchten: Der einfachste erste Schritt ist oft, zuzuhören und Vorurteile zu hinterfragen.

Alles Gute zum Sex Worker Pride Day, von uns an alle, die diesen Tag feiern!

Am 4. September findet weltweit der Welttag der sexuellen Gesundheit statt. Ins Leben gerufen wurde der Aktionstag 2010 von der World Association for Sexual Health (WAS), um weltweit für einen offenen, informierten und selbstbestimmten Umgang mit Sexualität zu werben. Das diesjährige Motto lautet „Every Body“. Es erinnert daran, dass sexuelle Gesundheit, Rechte und Selbstbestimmung allen Menschen zustehen, unabhängig von Körper, Herkunft, Lebensform oder Erwerbstätigkeit.

Sexuelle Gesundheit wird dabei von der Weltgesundheitsorganisation nicht nur als Abwesenheit von Krankheit verstanden, sondern als körperliches, emotionales, mentales und soziales Wohlbefinden im Zusammenhang mit Sexualität. Dazu gehört das Recht auf Aufklärung, auf medizinische Versorgung, auf freie und selbstbestimmte Entscheidungen und auf einen Umgang mit dem eigenen Körper, der frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt ist.

In der öffentlichen Wahrnehmung wird sexuelle Gesundheit häufig auf Prävention und Aufklärung im engeren Sinn reduziert: auf Verhütung, auf den Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen, auf Vorsorgeuntersuchungen. Diese Themen sind wichtig, greifen jedoch zu kurz, wenn sie losgelöst von den gesellschaftlichen Bedingungen betrachtet werden, unter denen Menschen ihre Sexualität leben. Zugang zu Gesundheitsversorgung, zu Beratung und zu Aufklärung ist nicht für alle gleich verteilt. Wer stigmatisiert, kriminalisiert oder rechtlich unsicher lebt, hat es oft deutlich schwerer, diese Angebote überhaupt zu erreichen.

Das gilt in besonderem Maß für Sexarbeitende. Gesundheitliche Selbstbestimmung setzt voraus, dass Menschen ohne Angst vor Repression medizinische Angebote wahrnehmen können, dass sie über ihre Arbeitsbedingungen offen sprechen dürfen und dass ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Wo Sexarbeit stigmatisiert oder in die Illegalität gedrängt wird, sinkt häufig auch die Bereitschaft, Beratungsstellen oder ärztliche Versorgung aufzusuchen. Das liegt nicht an mangelndem Interesse an der eigenen Gesundheit, sondern an begründeter Sorge vor Vorurteilen, Bloßstellung oder rechtlichen Konsequenzen. Auch die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass Strafdruck, Stigma und Gewalt den Zugang zu Gesundheitsdiensten für Sexarbeitende verschlechtern.

Sexuelle Gesundheit ist damit immer auch eine Frage von Rechten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Aufklärung allein reicht nicht aus, wenn strukturelle Hürden – rechtliche Unsicherheit, fehlende Krankenversicherung, Sprachbarrieren, Diskriminierung im Gesundheitssystem – den Zugang zu Versorgung erschweren. Wirksame Prävention und echte Selbstbestimmung setzen voraus, dass diese Hürden abgebaut werden, statt sie durch Stigmatisierung weiter zu verstärken.

Der Welttag der sexuellen Gesundheit erinnert daher nicht nur an die Bedeutung von Aufklärung und Vorsorge, sondern auch daran, dass sexuelle Gesundheit untrennbar mit Rechten, Würde und gesellschaftlicher Teilhabe verbunden ist. Das schließt ausdrücklich alle Menschen ein. Dazu gehören auch jene, deren Lebens- und Arbeitsrealitäten in öffentlichen Debatten oft übersehen oder stigmatisiert werden.

Sexuelle Gesundheit für alle bedeutet: Zugang statt Ausgrenzung, Aufklärung statt Vorurteil, Selbstbestimmung statt Bevormundung.

Eins der wichtigsten Netzwerke, in denen Madonna e.V. organisiert ist, ist das Bündnis der Fachberatungsstellen für Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter (bufaS e.V.). Im bufaS haben sich Fachberatungsstellen für Sexarbeitende zusammengeschlossen, die die dauerhafte Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeiter*innen, die rechtliche und soziale Gleichstellung mit anderen Erwerbstätigen sowie Entkriminalisierung und Entstigmatisierung fordern.

Die Mitglieder des bufaS beraten akzeptierend. Das bedeutet, dass die Beratungsstellen Sexarbeit als Arbeit verstehen. Deshalb findet die Beratung ergebnisoffen statt und orientiert sich an den Anliegen der Sexarbeitenden. Der Ausstieg ist nicht das vorrangige Ziel. Einige Beratungsstellen bieten auch Einstiegsberatung an.

Damit grenzt sich der bufaS ganz klar von jenen Beratungsstellen ab, welche für das Sexkaufverbot sind und deren Hauptziel in der Beratung der Ausstieg bzw. die „Rettung" der Sexarbeiter*innen ist.

Ein wichtiger Baustein des bufaS e.V. ist die NetSWork Fachberatung. Dies ist ein gleichstellungspolitisches Projekt in Trägerschaft des Vereins, welches vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert wird. Zielsetzung des Projekts ist es, die Qualität der Fachberatung für Menschen in der Sexarbeit zu stärken.

Im Rahmen dieses Projektes werden regelmäßig Fortbildungsveranstaltungen zu unterschiedlichen Themen für Mitarbeitende der Fachberatungsstellen organisiert. Die Sozialarbeitenden der Madonna-Beratungsstelle profitieren von diesem Angebot, unter anderem weil es ihnen den Austausch mit den Mitarbeitenden anderer Beratungsstellen ermöglicht und die Inhalte auf die Zielgruppe zugeschnitten sind.

Darüber hinaus arbeitet NetSWork Fachberatung an der Qualitätssicherung der Sozialen Arbeit mit Menschen in der Sexarbeit. In diesem Zusammenhang wurden seit 2024 eine Studie durchgeführt und als Ergebnis in diesem Jahr Qualitätsstandards und Empfehlungen für Fachberatungsstellen für Menschen in der Sexarbeit veröffentlicht. An dem Forschungsvorhaben waren sowohl Nutzende als auch Mitarbeitende der Fachberatungsstellen beteiligt.

Am 30. Juli wird weltweit auf Menschenhandel und die Ausbeutung von Menschen aufmerksam gemacht. Der Aktionstag erinnert an die Verantwortung von Politik und Gesellschaft, Betroffene zu schützen und gegen die Bedingungen vorzugehen, die Ausbeutung ermöglichen. Menschenhandel findet in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen statt – unter anderem in der Landwirtschaft, auf Baustellen, in Privathaushalten, in der Pflege, in der Gastronomie und auch im Bereich der Sexarbeit.

Gerade im Zusammenhang mit Sexarbeit wird der Begriff Menschenhandel jedoch häufig verwendet, ohne ausreichend zwischen selbstbestimmter Sexarbeit, prekären Arbeitsverhältnissen und tatsächlichen Zwangs- und Ausbeutungsverhältnissen zu unterscheiden. In öffentlichen Debatten entsteht dadurch nicht selten der Eindruck, Sexarbeit und Menschenhandel seien weitgehend deckungsgleich. Diese Vorstellung prägt politische Diskussionen ebenso wie mediale Berichterstattung.

Eine solche Gleichsetzung greift jedoch zu kurz. Menschenhandel bezeichnet die Ausbeutung von Menschen unter Anwendung von Zwang, Täuschung, Gewalt oder der Ausnutzung besonderer Abhängigkeiten. Das entscheidende Merkmal ist nicht die Tätigkeit selbst, sondern der Verlust von Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit. Sexarbeit hingegen kann – wie andere Formen von Erwerbsarbeit auch – unter sehr unterschiedlichen Bedingungen stattfinden.

Die Vermischung dieser unterschiedlichen Phänomene bleibt nicht folgenlos. Wenn Sexarbeit vor allem als Ort von Kriminalität und Opfererfahrungen wahrgenommen wird, geraten die Perspektiven von Sexarbeitenden selbst häufig in den Hintergrund. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass politische Maßnahmen zur Bekämpfung von Menschenhandel die Arbeits- und Lebensbedingungen von Sexarbeitenden zusätzlich verschärfen, ohne die Ursachen von Ausbeutung wirksam zu bekämpfen.

Die Soziologin und Sexarbeitsforscherin Laura María Agustín kritisiert die Tendenz, migrierende Sexarbeitende pauschal als Opfer von Menschenhandel zu betrachten. Sie weist darauf hin, dass Ausbeutung häufig nicht aus der Migration oder der Tätigkeit selbst entsteht, sondern durch den Ausschluss von Rechten, Schutzmöglichkeiten und gesellschaftlicher Teilhabe begünstigt wird (Agustín, 2007, Sex at the Margins: Migration, Labour Markets and the Rescue Industry).

Dieser Gedanke verweist auf einen zentralen Aspekt der Debatte: Ausbeutung entsteht nicht allein durch die Tätigkeit selbst, sondern wird häufig durch rechtliche Unsicherheit, fehlende soziale Absicherung, prekäre Aufenthaltsverhältnisse, mangelnden Zugang zu Unterstützung und gesellschaftliche Stigmatisierung begünstigt.

Der Welttag gegen Menschenhandel erinnert daher auch daran, wie wichtig eine differenzierte Betrachtung ist. Menschenhandel muss konsequent bekämpft werden. Gleichzeitig braucht es die Anerkennung der Rechte und Handlungsspielräume von Sexarbeitenden sowie politische Maßnahmen, die Betroffene von Ausbeutung stärken, anstatt sie weiter an den Rand der Gesellschaft zu drängen.

Die Bekämpfung von Menschenhandel und die Stärkung der Rechte von Sexarbeitenden sind keine Gegensätze. Beide setzen voraus, dass Stimmen und Perspektiven ernst genommen und die tatsächlichen Bedingungen der Lebens- und Arbeitsrealitäten in den Mittelpunkt gestellt werden.

Am 2. Juni, dem Internationalen Hurentag, öffnete unsere Beratungsstelle ihre Türen für Sexarbeitende, Kooperationspartner*innen, Unterstützer*innen sowie Politiker*innen. Rund 45 Gäst*innen folgten der Einladung, um gemeinsam diesen besonderen Tag zu begehen, miteinander ins Gespräch zu kommen und Einblicke in die Arbeit unserer Einrichtung zu erhalten.

In der Begrüßung wurde auf die aktuelle gesellschafts- und sozialpolitische Situation von Sexarbeitenden eingegangen. Trotz der rechtlichen Anerkennung von Sexarbeit bestehen weiterhin Stigmatisierung, Ausgrenzung und kriminalisierende Regelungen fort. Zugleich wurde deutlich, dass die Debatten um Sexarbeit von sehr unterschiedlichen Perspektiven geprägt sind – sowohl innerhalb feministischer Bewegungen als auch in Politik und Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund wurde die Bedeutung von Austausch, Begegnung und solidarischer Diskussion hervorgehoben. Denn gerade dort, wo unterschiedliche Erfahrungen und Sichtweisen aufeinandertreffen, können neue Perspektiven entstehen und gemeinsame Anliegen sichtbar werden.

Diese Idee prägte auch die Veranstaltung selbst. An den Tischen luden Fragenkarten die Gäst*innen dazu ein, miteinander über Erfahrungen, Perspektiven und aktuelle Entwicklungen im Bereich Sexarbeit ins Gespräch zu kommen. 

Welche Vorgaben sollte es für Bordellbetriebe und andere Geschäftspartner*innen von Sexarbeitenden geben? Welche bestehenden Regelungen sollten überdacht oder abgeschafft werden?

Ist Sexarbeit eine gefahrengeneigte Tätigkeit? Wenn ja, warum und wie sollte unsere Gesellschaft damit umgehen? Wenn nein, warum nicht?

Die zahlreichen Gespräche machten deutlich, wie komplex die politischen und praktischen Fragen rund um die Regulierung von Sexarbeit sind. Zugleich zeigte sich, wie groß das Bedürfnis nach einem respektvollen und differenzierten Austausch jenseits zugespitzter Debatten ist.

Musikalisch wurde die Veranstaltung von Johana Henny Bek und Sandra begleitet, die mit ihren Beiträgen für eine angenehme und einladende Atmosphäre sorgten.

Neben den Gesprächen und Begegnungen standen auch inhaltliche Beiträge auf dem Programm. Sven Hensel vom Fluid – Zentrum für queere Kultur & (sexuelle) Bildung – sprach über queere Sexualität und sexuelle Gesundheit. Dabei ging er auf die Bedeutung von sexueller Selbstbestimmung, Wissen über sexuelle Gesundheit sowie die Vielfalt sexueller Lebensrealitäten ein. Anschließend stellte eine Vertreterin der Sexworkers of Cologne die Arbeit der Brigada Callejera vor. Die mexikanische Organisation setzt sich seit vielen Jahren für die Rechte, Gesundheit und Selbstorganisation von Sexarbeitenden ein und gilt international als bedeutendes Beispiel für basisnahe Unterstützung und politische Interessenvertretung. Der Beitrag machte deutlich, welche wichtige Rolle Selbstorganisation und solidarische Netzwerke für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden weltweit spielen.

Im Rahmen einer Führung durch die Beratungsstelle erhielten die Teilnehmenden Einblicke in unsere Arbeit, unsere Angebote und die Geschichte der Einrichtung. Die Führung bot Gelegenheit, über aktuelle Entwicklungen im Arbeitsfeld, bestehende Herausforderungen sowie die Bedeutung niedrigschwelliger Unterstützungsangebote für Sexarbeitende ins Gespräch zu kommen.

Auch das Madonna – Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT wurde vorgestellt. Als bundesweit einzigartige Einrichtung bewahrt es Materialien, Dokumente und Zeugnisse zur Geschichte von Sexarbeit und der Sexarbeitsbewegung und trägt damit dazu bei, Perspektiven von Sexarbeitenden sichtbar zu machen und für zukünftige Generationen zu erhalten.

Die große Resonanz auf die Veranstaltung und die vielfältigen Gespräche zeigten, wie wichtig Orte des Austauschs, der Vernetzung und der Solidarität weiterhin sind. Gerade in einer Zeit, in der die Debatten um Sexarbeit häufig polarisiert geführt werden, schaffen solche Begegnungen die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen, miteinander ins Gespräch zu kommen und gemeinsame Anliegen sichtbar zu machen.

Wir bedanken uns bei allen Teilnehmenden, Mitwirkenden und Unterstützer*innen, die diesen Tag gemeinsam mit uns gestaltet haben. Unser besonderer Dank gilt zudem allen, die mit ihren Spenden zur Finanzierung des Sommerfests beigetragen haben.

 

Der 2. Juni erinnert an den sogenannten Internationalen Hurentag, der auf eine Protestaktion von Sexarbeiter*innen in Lyon im Jahr 1975 zurückgeht. Die Besetzung einer Kirche durch etwa 150 Frauen richtete sich gegen polizeiliche Repression, gesellschaftliche Ausgrenzung und die prekären Bedingungen ihrer Arbeit. Aus diesem historischen Ereignis entwickelte sich ein internationaler Bezugspunkt der Sexarbeitsbewegung, der bis heute auf die Forderung nach Rechten, Schutz und Anerkennung verweist.

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung um Sexarbeit ist eng mit Fragen von Moral, Arbeit und sozialer Ordnung verbunden. Sie wird in vielen Kontexten nicht ausschließlich als Erwerbstätigkeit verhandelt, sondern durch normative Deutungsrahmen geprägt, die bestimmte Tätigkeiten moralisch bewerten und damit soziale Zugehörigkeit strukturieren. Stigmatisierung wirkt dabei nicht nur auf individueller Ebene, sondern organisiert gesellschaftliche Wahrnehmung und beeinflusst, welche Lebensrealitäten sichtbar oder unsichtbar bleiben.

Diese Prozesse sind zugleich eng mit rechtlichen Rahmenbedingungen verbunden. Sexarbeit wird in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten reguliert, eingeschränkt oder kriminalisiert. Diese rechtlichen Ordnungen sind nicht neutral, sondern strukturieren unmittelbar die Bedingungen, unter denen Arbeit stattfindet und verschieben Risiken häufig auf die Ebene der Sexarbeitenden selbst. Damit werden Fragen von Sicherheit, Zugang zu Unterstützung und Schutz vor Gewalt wesentlich durch staatliche und institutionelle Rahmungen mitbestimmt.

Die französische Autorin Virginie Despentes beschreibt die Erfahrung von Scham als ein gesellschaftlich erzeugtes Verhältnis, das nicht aus den Betroffenen selbst hervorgeht, sondern von außen produziert wird:

„Ich habe gelernt, dass die Scham nicht mir gehört, sondern denen, die mich beschämen wollen.“

(Virginie Despentes, King Kong Theorie, 2006)

Diese Perspektive verweist darauf, dass Stigmatisierung kein individuelles Gefühl ist, sondern ein sozial hergestelltes Machtverhältnis, das über Normen von Sexualität, Arbeit und Geschlecht wirkt.

Gleichzeitig ist die Sexarbeitsbewegung historisch eng mit Formen der Selbstorganisation verbunden. Sie fordert nicht nur Schutz vor Gewalt und Diskriminierung, sondern auch die Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit sowie die politische Teilhabe an den Regelungen, die diese Tätigkeit betreffen. Damit wird deutlich, dass es nicht allein um Schutzmaßnahmen geht, sondern auch um Fragen von Handlungsmacht, Repräsentation und gesellschaftlicher Anerkennung.

Ein weiterer zentraler Aspekt betrifft die Wissensproduktion über Sexarbeit. Welche Erfahrungen dokumentiert, erforscht und öffentlich verhandelt werden, ist selbst Teil gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Dadurch entstehen selektive und häufig verzerrte Bilder von Sexarbeit, in denen die Perspektiven der Betroffenen selbst nicht immer im Zentrum stehen.

Der Internationale Hurentag verweist damit nicht nur auf ein historisches Protestereignis, sondern auf eine weiterhin bestehende gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung um Anerkennung, Rechte und Selbstbestimmung von Sexarbeitenden. Er macht sichtbar, dass Fragen von Arbeit, Körper und gesellschaftlicher Ordnung nicht stabil sind, sondern fortlaufend verhandelt werden – und damit auch veränderbar bleiben.

 

Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt bleibt weltweit ein zentraler gesellschaftlicher Aushandlungsbereich, in dem Anerkennung, Rechte und soziale Teilhabe weiterhin ungleich verteilt sind. Der 17. Mai – der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT) – markiert diesen Zusammenhang historisch wie politisch. Er erinnert an die Streichung von Homosexualität aus der internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen durch die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1990 und steht zugleich für die anhaltende Notwendigkeit, Diskriminierung sichtbar zu machen und ihr entgegenzutreten.

Auch mehr als drei Jahrzehnte später zeigen Studien und Menschenrechtsberichte, dass Diskriminierung nicht allein als individuelles Fehlverhalten verstanden werden kann, sondern in gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und Normvorstellungen eingelassen ist. Sie entscheidet darüber, welche Lebensweisen als legitim gelten, welche Sicherheit erhalten und welche systematisch marginalisiert werden.

Im Bereich der Sexarbeit wird diese Verschränkung besonders deutlich. LSBTIQ*-Sexarbeiter*innen sind häufig mit mehrfachen Formen von Stigmatisierung konfrontiert: sowohl im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität als auch aufgrund der gesellschaftlichen Bewertung von Sexarbeit selbst. Diese Überlagerung verstärkt Risiken, erschwert den Zugang zu Gesundheitsversorgung, rechtlichem Schutz und gesellschaftlicher Anerkennung und beeinflusst, welche Erfahrungen überhaupt sichtbar werden.

Die Sexarbeitsaktivistin Carol Leigh formuliert diese gesellschaftliche Zuschreibung und Selbstpositionierung klar:

„Ich bin Sexarbeiterin. Ich bin keine Kriminelle. Ich bin keine Krankheit. Ich bin eine Arbeiterin.“

Diese Aussage verweist darauf, dass die Deutung von Sexarbeit nicht neutral ist, sondern durch normative Vorstellungen von Arbeit, Moral und Geschlecht geprägt wird, die bestimmte Gruppen systematisch abwerten und andere absichern.

Auch internationale Netzwerke aus der Sexarbeits- und Gesundheitsarbeit betonen seit Jahren, dass Stigmatisierung selbst ein zentraler struktureller Risikofaktor ist. Sie wirkt nicht nur auf individueller Ebene, sondern strukturiert Zugänge zu Rechten, Versorgung und gesellschaftlicher Anerkennung.

Vor diesem Hintergrund verweist der IDAHOBIT nicht allein auf individuelle Diskriminierungserfahrungen, sondern auf die Notwendigkeit, gesellschaftliche Normen, Wissensordnungen und institutionelle Strukturen kritisch zu hinterfragen. Die Sichtbarmachung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, insbesondere auch innerhalb von Sexarbeit, bleibt eine zentrale Voraussetzung für eine diskriminierungskritische Gesellschaft, in der Selbstbestimmung, Schutz vor Gewalt und soziale Teilhabe nicht eingeschränkt werden.

 

Der Internationale Tag der Frauenarchive am 11. Mai macht weltweit auf die Bedeutung von Archiven, Dokumentationsstellen und Erinnerungsarbeit für feministische Bewegungen, geschlechterpolitische Kämpfe und die Sichtbarmachung marginalisierter Perspektiven aufmerksam. Frauenarchive bewahren nicht nur historische Quellen, sondern leisten einen zentralen Beitrag zur kritischen Wissensproduktion und zur politischen Bildung über Geschlechterverhältnisse, Arbeitsrealitäten und soziale Kämpfe.

Frauenarchive sind häufig aus sozialen Bewegungen heraus entstanden und verfolgen bis heute das Ziel, Erfahrungen von Frauen* und queeren Personen zu dokumentieren, die in klassischen Archiven oft unterrepräsentiert oder unsichtbar bleiben. Sie tragen damit wesentlich dazu bei, dominante Geschichtsnarrative zu erweitern und gesellschaftliche Machtverhältnisse sichtbar zu machen.

„Das Archiv spricht nicht von selbst.“

(aus: Arlette Farge, Der Geschmack des Archivs, Suhrkamp, 1991)

Die feministische Archiv- und Erinnerungsarbeit macht deutlich, dass Geschichte nicht neutral überliefert wird, sondern immer Ergebnis von Auswahl-, Deutungs- und Machtprozessen ist. In diesem Zusammenhang betont auch die Historikerin Arlette Farge, dass Archive kein neutraler Ort der Aufbewahrung sind, sondern erst durch die Fragen, die an sie herangetragen werden, zum Sprechen gebracht werden und damit aktiv an der Konstruktion historischer Wirklichkeit beteiligt sind (vgl. Farge, A. (1989). Der Geschmack des Archivs).

Madonna e. V. verfügt mit dem Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT über einen eigenen Bestand, der Materialien, Publikationen und Dokumente zur Geschichte und Gegenwart von Sexarbeit sammelt, erschließt und zugänglich macht. Damit leistet die Einrichtung einen Beitrag zur Sicherung von Wissen, das in klassischen Archiven häufig nur randständig oder verzerrt abgebildet ist.

Der Tag der Frauenarchive verweist damit über die reine Erinnerung hinaus auf die politische Dimension von Archivarbeit. Erinnerung ist immer auch ein Akt der Machtverteilung: Sie strukturiert, welche Erfahrungen sichtbar werden und welche unsichtbar bleiben. Die Auseinandersetzung mit Archiven ist daher stets auch eine Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ordnungen von Wissen, Anerkennung und Ausschluss. Die Sichtbarmachung vielfältiger Lebensrealitäten bleibt eine grundlegende Voraussetzung für eine diskriminierungskritische und demokratische Gesellschaft.

 

Der Weltgesundheitstag am 7. April macht deutlich, dass Gesundheit mehr ist als medizinische Versorgung: Sie ist geprägt von sozialen, ökonomischen und politischen Bedingungen, die über Lebensqualität und Chancen entscheiden.

„Um wirklich visionär zu sein, müssen wir unsere Vorstellungskraft in unserer konkreten Realität verwurzeln und gleichzeitig Möglichkeiten jenseits dieser Realität denken.“

(hooks, 2000, Feminism is for Everybody: Passionate Politics, übersetzt)

Dieses Zitat bringt den Kern auf den Punkt: Es reicht nicht, einzelne Symptome zu behandeln – gesellschaftliche Strukturen, Barrieren und Ungleichheiten müssen sichtbar gemacht und adressiert werden. Studien zeigen, dass gesundheitliche Chancen stark von Faktoren wie Einkommen, Bildung, Wohnsituation und rechtlichem Status abhängen (siehe: World Health Organization (2008). Closing the gap in a generation: Health equity through action on the social determinants of health). Menschen in prekären Lebenssituationen sind häufig höheren gesundheitlichen Risiken ausgesetzt und haben zugleich erschwerten Zugang zu Versorgung (siehe: Marmot, M. (2005). Social determinants of health inequalities. The Lancet, 365(9464), 1099–1104.).

Besonders deutlich wird dies in marginalisierten Lebens- und Arbeitsbereichen. Rechtliche Einschränkungen, Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung können den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich erschweren. Untersuchungen zeigen, dass Sexarbeitende oft strukturellen Barrieren ausgesetzt sind und Gesundheitsangebote nur eingeschränkt nutzen können (siehe: Platt, L. et al. (2018). Associations between sex work laws and sex workers’ health: A systematic review and meta-analysis.The Lancet, 392 (10144), 698–710). Auch trans* und nicht-binäre Personen berichten von fehlender Sensibilität, Diskriminierung und unzureichenden Angeboten im Gesundheitswesen (siehe: Reisner, S. L. et al. (2016). Global health burden and needs of transgender populations: a review. The Lancet, 388 (10042), 412–436.

Gesundheit ist nicht nur individuelle Verantwortung, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Bedingungen. Wer Zugang zu Versorgung, Schutz und Unterstützung hat, wird wesentlich von bestehenden Strukturen, politischen Entscheidungen und sozialen Rahmenbedingungen bestimmt. Der Weltgesundheitstag erinnert daran, dass es Aufgabe aller ist, Barrieren abzubauen, Ungleichheiten sichtbar zu machen und gesellschaftliche Räume zu schaffen, in denen jede*r ein selbstbestimmtes, gesundes Leben führen kann.

Der Transgender Day of Visibility am 31. März rückt die Lebensrealitäten, Perspektiven und gesellschaftlichen Beiträge von trans* und nicht-binären Menschen in den Mittelpunkt. Sichtbarkeit ist dabei mehr als bloßes Gesehenwerden: Sie ist eine zentrale Voraussetzung für Anerkennung, Teilhabe und die Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten.

In vielen gesellschaftlichen Bereichen ist diese Sichtbarkeit noch immer ungleich verteilt. Strukturelle Barrieren im Zugang zu Arbeit, Gesundheitsversorgung, rechtlicher Anerkennung und sozialer Absicherung prägen die Lebensrealitäten vieler trans* Personen. Diese Ungleichheiten zeigen, wie stark gesellschaftliche Normen darüber entscheiden, wessen Identität als selbstverständlich gilt und wessen nicht.

Eine intersektionale Perspektive macht deutlich, dass sich Diskriminierung entlang verschiedener sozialer Kategorien überlagern kann. So wirken Faktoren wie Herkunft, sozialer Status, Aufenthaltsrecht oder Erwerbstätigkeit zusammen und beeinflussen individuelle Handlungsspielräume. Besonders in marginalisierten Arbeitsfeldern – etwa in der Sexarbeit – sind trans* Personen häufig mehrfacher Stigmatisierung ausgesetzt und erleben erschwerte Zugänge zu Schutz, Beratung und Gesundheitsangeboten.

Sichtbarkeit bedeutet in diesem Zusammenhang auch, Räume zu schaffen, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten anerkannt werden und Stimmen gehört werden können. Sie ist eng verbunden mit dem Zugang zu Rechten, Ressourcen und gesellschaftlicher Beteiligung.

Der Transgender Day of Visibility bietet Anlass, über die Bedeutung von Sichtbarkeit, Vielfalt und sozialer Gerechtigkeit nachzudenken und sich für eine Gesellschaft einzusetzen, in der alle Menschen anerkannt werden und gleichberechtigt teilhaben können.

Der Internationale Frauentag am 8. März erinnert an die jahrhundertelangen Kämpfe von Frauen* für politische Teilhabe, soziale Rechte und ökonomische Gleichstellung. Historisch wurzelt er in den Arbeiterinnenbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts, in denen Frauen* das Recht auf Arbeit, faire Löhne und Schutz vor Ausbeutung forderten. Diese Themen sind bis heute relevant: Sie verbinden Fragen von Geschlecht, Arbeit und Selbstbestimmung und machen sichtbar, wie ökonomische und soziale Strukturen die Handlungsmöglichkeiten von Frauen* prägen.

Feministische Analysen zeigen, dass Arbeit kein neutraler Bereich ist, sondern ein Feld, in dem Machtverhältnisse und soziale Hierarchien ausgehandelt werden. Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen* ausgeübt werden oder gesellschaftlich als „nicht-normativ“ gelten, erfahren häufig systematische Abwertung und Moralzuschreibungen (siehe: Mandel, H., Lazarus, A., & Moreno, A. (2024). The Value of Work: The Gendered Outcomes of Organizational Wage Reforms. Work and Occupations, 30(3), 69–96). Sexarbeit ist ein besonders prägnantes Beispiel: Sie wird politisch und moralisch stark reguliert, häufig stigmatisiert und selten als Erwerbsarbeit anerkannt, obwohl sie klare ökonomische und soziale Realitäten abbildet (siehe: Weitzer, Ronald. (2010). The Mythology of Prostitution: Advocacy Research, Policy, and Practice. Sexuality Research & Social Policy, 7(3), 1–11.)

Eine intersektionale Perspektive macht zusätzlich sichtbar, dass Diskriminierung entlang von Geschlecht, Herkunft, sozialem Status, Aufenthaltsrecht oder sexueller Identität wirkt (siehe: Intersektionalität – Gleichstellungsportal, Intersektionalität). Besonders stark betroffen sind davon Sexarbeitende, trans* und nicht‑binäre Personen, die oft mehrfachen Barrieren ausgesetzt sind und deren Selbstbestimmung durch rechtliche und gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflusst wird.

Unser Ansatz ist ein feministischer, der sich an den Stimmen und Bedürfnissen der Menschen orientiert, die wir beraten. Wir setzen uns dafür ein, Arbeitsrechte zu stärken, Zugänge zu Beratung, Information und Gesundheitsversorgung abzusichern und Barrieren abzubauen. Feminismus bedeutet hier, strukturelle Ungleichheiten sichtbar zu machen und Handlungsspielräume aktiv zu erweitern.

Der Internationale Frauentag bietet Anlass, über feministische Perspektiven auf Arbeit, Körper und Selbstbestimmung nachzudenken und solidarisch für Rechte, Schutz und Handlungsmacht aller Frauen* einzutreten, auch dort, wo gesellschaftliche Anerkennung noch immer erkämpft werden muss.


Der 3. März ist ein weltweiter Gedenk- und Aktionstag, der auf die fortdauernden Kämpfe von Sexarbeitenden für Anerkennung, Schutz und gesellschaftliche Gleichstellung aufmerksam macht. Im Zentrum stehen dabei nicht nur rechtliche Gleichstellung, Schutz vor Gewalt und Zugang zu Gesundheitsversorgung, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit sowie die Sichtbarkeit der Expertise der Menschen, die diese Arbeit leisten.

Sexarbeit ist in vielen Gesellschaften nach wie vor stigmatisiert. Diese Abwertung ist kein individuelles Phänomen, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Doppelmoral, die Leistung, Moral und Sexualität hierarchisiert. Sexarbeitende werden häufig auf ihre Rolle als „Objekte“ reduziert, während ihre Expertise, Selbstbestimmung und politische Stimme unsichtbar bleiben. Dabei beeinflusst Stigmatisierung nicht nur gesellschaftliche Wahrnehmungen, sondern hat konkrete Auswirkungen auf Sicherheit, Gesundheit und soziale Teilhabe (siehe: Pheterson, Gail. (1996). The Prostitution Prism. Amsterdam University Press).

Internationale Forschungs- und Menschenrechtsorganisationen zeigen seit Jahren: Nicht die Tätigkeit selbst, sondern vor allem ihre rechtliche und soziale Regulierung bestimmt maßgeblich die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden. Restriktive oder kriminalisierende Ansätze erhöhen nachweislich das Risiko von Gewalt, erschweren den Zugang zu Justiz und Gesundheitsversorgung und verstärken strukturelle Abhängigkeiten (siehe: Amnesty International. (2016). Policy on State Obligations to Respect, Protect and Fulfil the Human Rights of Sex Workers. London). Auch die Weltgesundheitsorganisation betont, dass Stigmatisierung und Strafverfolgung zentrale Barrieren für Prävention und Gesundheitsversorgung darstellen (siehe: WHO, UNFPA, UNAIDS, NSWP. (2013). Implementing comprehensive HIV/STI programmes with sex workers: Practical approaches from collaborative interventions. WHO Press, Genf.https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/96614/WHO_HIV_2013.144_eng.pdf).

Empirische Untersuchungen aus dem Gesundheitsbereich bestätigen zudem, dass rechtliche Unsicherheit und gesellschaftliche Ausgrenzung den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich erschweren (siehe: Faissner, Mirjam, Beckmann, Laura, Freistein, Katja, Jungilligens, Johannes & Braun, Esther. (2024). Healthcare for sex workers—access, barriers, and needs. Ethik in der Medizin. 36).

Um systemische Ungleichheiten zu überwinden, sind Solidarität, Sichtbarkeit und eine gemeinsame politische Sprache entscheidend. In der Praxis bedeutet dies: Beratungs- und Unterstützungsangebote müssen nicht nur individuell schützen, sondern auch auf strukturelle Veränderungen hinwirken – sei es im Zugang zu Gesundheitsversorgung, im rechtlichen Schutz oder in der gesellschaftlichen Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit.

Als Beratungsstelle für Sexarbeitende arbeitet Madonna e. V. auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse als auch orientiert an den Erfahrungen der Menschen, die wir beraten. Unser Ziel ist es, dass Sexarbeitende als Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealitäten anerkannt werden, niedrigschwelligen Zugang zu Beratung, Informationen, Gesundheitsversorgung und rechtlichem Schutz erhalten und in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden.

Der Internationale Tag der Sexarbeiter*innenrechte ist daher nicht nur ein Gedenk- und Aktionstag: Er ist ein politischer Appell an Gesellschaft und Politik, Bedingungen zu schaffen, unter denen Sexarbeitende Sicherheit, soziale Teilhabe und wirtschaftliche Autonomie erfahren und in denen ihre Arbeit respektiert, anerkannt und geschützt wird.

Das Thema Sexarbeit polarisiert – doch die realen Arbeitsbedingungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und die Perspektiven von Sexarbeiter*innen bleiben oft unsichtbar, auch in feministischen Diskursen. Im Rahmen der Feministischen Aktionswochen und des Internationalen Frauentages 2026 laden Madonna e.V. und die Sexworkers of Cologne zu einer gemeinsamen Veranstaltung ein:

Die Veranstaltung bietet einen Überblick über die Bedingungen, unter denen Sexarbeit in Deutschland stattfindet, und beleuchtet, wie unterschiedliche rechtliche Regelungen das Leben von Sexarbeiter*innen beeinflussen. Dabei wird deutlich: Jede Form staatlicher Regulierung und Repression macht Sexarbeit unsicherer und erschwert den Zugang zu Versorgung, Beratungsangeboten sowie Schutz vor Gewalt.

Im gemeinsamen Gespräch werden Fragen aus dem Publikum aufgegriffen und gemeinsam diskutiert.

  • Welche Fragen hattet ihr schon immer rund um das Thema?
  • Wie wirkt sich Stigmatisierung auf in der Sexarbeit tätige Personen aus?
  • Wie können Beratungsangebote auf Augenhöhe gelingen?
  • Warum spaltet dieses Thema die feministische Bewegung so stark?

Alle respektvollen Fragen und interessierten Zuhörer*innen sind herzlich willkommen. Personen, die die Veranstaltung aktiv stören wollen, sind ausdrücklich nicht eingeladen. Bei Störungen behält sich Madonna e.V. vor, Personen der Veranstaltung zu verweisen.

Hinweise:

  • Anmeldung: Die Teilnahme ist nur nach vorheriger Anmeldung bis zum 12.03.2026 per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. möglich.
  • Bild- und Tonaufnahmen sind nicht gestattet.
  • Der Veranstaltungsort ist leider nicht barrierearm. Bei Fragen zur Zugänglichkeit meldet euch bitte vorab per E-Mail.
  • Bitte kommt nicht zur Veranstaltung, wenn ihr krank seid oder Krankheitssymptome habt – aus Rücksicht auf alle Anwesenden.

 

Wir freuen uns auf einen spannenden Abend mit euch!

 

Veranstaltungsbild No bad whores – just bad laws! Sexarbeit zwischen selbstbestimmter Arbeit, Stigma und staatlicher Repression

 

Am 24. Januar feiern wir den Internationalen Tag der Bildung — ein Tag, der daran erinnert: Bildung ist ein fundamentales Menschenrecht und eröffnet Perspektiven auf Selbstbestimmung, Teilhabe und soziale Sicherheit. Für sexarbeitende Menschen ist Bildung besonders relevant, da sie damit nicht nur Zugang zu Informationen über Rechte, Gesundheit und rechtliche Rahmenbedingungen erhalten, sondern auch ihre ökonomische Unabhängigkeit stärken und Strategien entwickeln können, um Diskriminierung, Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung zu begegnen.

Sexarbeitende sind oft mehrfach marginalisiert — durch gesellschaftliches Stigma, Diskriminierung und strukturelle Hürden. Untersuchungen zeigen, dass ein niedriger Bildungsstand die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass gesundheitliche, soziale und Bildungsangebote nicht genutzt werden, weil Informationen fehlen oder schwer zugänglich sind.

Barrieren beim Zugang zu Bildung und Gesundheitsangeboten sind weit verbreitet. Speziell peer-basierte Programme haben sich als wirksam erwiesen, um diese Hürden zu überwinden und Wissen sowie Selbstbestimmung zu fördern:

„Peer‑basierte Bildungs- und Gesundheitsangebote stärken das Empowerment und ermöglichen Sexarbeitenden, informierte Entscheidungen über Gesundheit, Sicherheit und soziale Teilhabe zu treffen.“

(aus: NSWP, 2021: Sex Work, Health, and Human Rights: Evidence for Peer-Based Approaches - 2021_sexworkhealthandhumanrights_1.pdf)

Bei Madonna e.V. setzen wir uns genau dafür ein: Wir machen Beratungs‑ und Informationsangebote niedrigschwellig und barrierefrei — ob rechtliche Beratung, Gesundheitsaufklärung oder Unterstützung beim Zugang zu Weiterbildung und sozialen Angeboten. Denn wir sind überzeugt: Bildung darf kein Privileg, sondern muss ein Recht für alle sein!

Unsere neue Website, gestaltet von Angie Radtke, wurde mit dem J!Otto-Award 2025 in der Kategorie Mittlere Website ausgezeichnet. Der J!Otto-Award ist ein Joomla Community Award und würdigt herausragende Webprojekte.

Ausgezeichnet wurden insbesondere

  • unser eigenes Template,
  • die hohe Performance sowie
  • die barrierearme und nutzer*innenfreundliche Gestaltung,

die den Zugang zu unseren Unterstützungs- und Beratungsangeboten deutlich erleichtert.

Für uns ist diese Auszeichnung eine besondere Anerkennung unserer Arbeit: Digitale Barrierefreiheit und eine klare, verständliche Struktur sind zentrale Voraussetzungen dafür, dass Informationen und Hilfsangebote alle erreichen – unabhängig von technischen, sprachlichen oder individuellen Hürden.

Wir freuen uns sehr über diese Würdigung und danken Angie Radtke für die großartige Zusammenarbeit.

Passend zum Jahresanfang starten wir mit einer Neuauflage unseres Lesekreises Sexarbeit. Der Lesekreis wurde zum Tag der Frauenarchive 2023 ins Leben gerufen und fand bislang regelmäßig in den Räumen unserer Beratungsstelle statt. Nachdem er im vergangenen Jahr krankheitsbedingt pausieren musste, möchten wir nun ein neues digitales Format ausprobieren, das auch Interessierte außerhalb Bochums erreicht.

Im Lesekreis lesen wir gemeinsam Selbstzeugnisse von Sexarbeitenden und tauschen uns darüber aus. Wenn ihr teilnehmen möchtet, schreibt uns eine E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein.. Ihr erhaltet dann die Zugangsdaten für unseren Server auf Discord.

Das erste Treffen findet am 06. Januar 2026 um 18:30 Uhr online auf Discord statt.

Wir freuen uns auf eure Teilnahme!

Seit der Gründung im Jahr 2000 ist das Madonna-Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT ein einzigartiger feministischer Ort, an dem Wissen, Geschichte und Diskurse rund um Prostitution und Sexarbeit gesammelt, erschlossen und aufbereitet werden. Anlässlich dieses 25-jährigen Bestehens wurde am 17.10.2025 zur Jubiläumsfeier ins Prinz Regent Theater in Bochum eingeladen.

Grußwort von Marianne Schweizer (Aspasie, Schweiz)

Seit dem Jahr 2000 ist das Madonna - Archiv und Dokumentationszentrum SEXARBEIT ein feministischer Ort, in dem systematisch gesammelt, erschlossen und aufbereitet wird, was in Vergangenheit und Gegenwart über das Thema Prostitution und Sexarbeit verhandelt wurde und wird. Dieses 25-jährige Bestehen wollen wir mit euch feiern und laden euch am 17. Oktober um 18 Uhr zu unserer Jubiläumsfeier im Prinz Regent Theater ein! 

Bei Sekt und musikalischer Begleitung von Frathó wird Ruby Rebelde aus dem Buch "Warum sie uns hassen. Sexarbeitsfeindlichkeit" (2025) lesen. Das Buch handelt von der gesamtgesellschaftlichen Sexarbeitsfeindlichkeit, anhaltenden Stigmatisierung und Diskriminierung von Sexarbeitenden, aber auch von eigenen Erfahrungen in der Sexarbeit. Es wird einen Büchertisch geben, um die Bücher käuflich zu erwerben und von Ruby Rebelde signieren zu lassen.  

Außerdem sind wir einmal tief in unsere Bestände aus 25 Jahren des Erschließens und Erhaltens eingetaucht und haben spannende Zeugnisse der Hurenbewegung und des gesellschaftlichen Diskurses um Sexarbeit und Prostitution ausgewählt, die wir im Rahmen der Veranstaltung beispielhaft präsentieren werden.

Der Eintritt ist kostenfrei. Um Anmeldung per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein. wird gebeten.

 

Wir freuen uns auf euch!