Der 3. März ist ein weltweiter Gedenk- und Aktionstag, der auf die fortdauernden Kämpfe von Sexarbeitenden für Anerkennung, Schutz und gesellschaftliche Gleichstellung aufmerksam macht. Im Zentrum stehen dabei nicht nur rechtliche Gleichstellung, Schutz vor Gewalt und Zugang zu Gesundheitsversorgung, sondern auch die gesellschaftliche Anerkennung von Sexarbeit als Erwerbstätigkeit sowie die Sichtbarkeit der Expertise der Menschen, die diese Arbeit leisten.
Sexarbeit ist in vielen Gesellschaften nach wie vor stigmatisiert. Diese Abwertung ist kein individuelles Phänomen, sondern Ausdruck einer gesellschaftlichen Doppelmoral, die Leistung, Moral und Sexualität hierarchisiert. Sexarbeitende werden häufig auf ihre Rolle als „Objekte“ reduziert, während ihre Expertise, Selbstbestimmung und politische Stimme unsichtbar bleiben. Dabei beeinflusst Stigmatisierung nicht nur gesellschaftliche Wahrnehmungen, sondern hat konkrete Auswirkungen auf Sicherheit, Gesundheit und soziale Teilhabe (siehe: Pheterson, Gail. (1996). The Prostitution Prism. Amsterdam University Press).
Internationale Forschungs- und Menschenrechtsorganisationen zeigen seit Jahren: Nicht die Tätigkeit selbst, sondern vor allem ihre rechtliche und soziale Regulierung bestimmt maßgeblich die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Sexarbeitenden. Restriktive oder kriminalisierende Ansätze erhöhen nachweislich das Risiko von Gewalt, erschweren den Zugang zu Justiz und Gesundheitsversorgung und verstärken strukturelle Abhängigkeiten (siehe: Amnesty International. (2016). Policy on State Obligations to Respect, Protect and Fulfil the Human Rights of Sex Workers. London). Auch die Weltgesundheitsorganisation betont, dass Stigmatisierung und Strafverfolgung zentrale Barrieren für Prävention und Gesundheitsversorgung darstellen (siehe: WHO, UNFPA, UNAIDS, NSWP. (2013). Implementing comprehensive HIV/STI programmes with sex workers: Practical approaches from collaborative interventions. WHO Press, Genf.https://iris.who.int/bitstream/handle/10665/96614/WHO_HIV_2013.144_eng.pdf).
Empirische Untersuchungen aus dem Gesundheitsbereich bestätigen zudem, dass rechtliche Unsicherheit und gesellschaftliche Ausgrenzung den Zugang zu medizinischer Versorgung erheblich erschweren (siehe: Faissner, Mirjam, Beckmann, Laura, Freistein, Katja, Jungilligens, Johannes & Braun, Esther. (2024). Healthcare for sex workers—access, barriers, and needs. Ethik in der Medizin. 36).
Um systemische Ungleichheiten zu überwinden, sind Solidarität, Sichtbarkeit und eine gemeinsame politische Sprache entscheidend. In der Praxis bedeutet dies: Beratungs- und Unterstützungsangebote müssen nicht nur individuell schützen, sondern auch auf strukturelle Veränderungen hinwirken – sei es im Zugang zu Gesundheitsversorgung, im rechtlichen Schutz oder in der gesellschaftlichen Anerkennung von Sexarbeit als Arbeit.
Als Beratungsstelle für Sexarbeitende arbeitet Madonna e. V. auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse als auch orientiert an den Erfahrungen der Menschen, die wir beraten. Unser Ziel ist es, dass Sexarbeitende als Expert*innen ihrer eigenen Lebensrealitäten anerkannt werden, niedrigschwelligen Zugang zu Beratung, Informationen, Gesundheitsversorgung und rechtlichem Schutz erhalten und in ihrer Selbstbestimmung gestärkt werden.
Der Internationale Tag der Sexarbeiter*innenrechte ist daher nicht nur ein Gedenk- und Aktionstag: Er ist ein politischer Appell an Gesellschaft und Politik, Bedingungen zu schaffen, unter denen Sexarbeitende Sicherheit, soziale Teilhabe und wirtschaftliche Autonomie erfahren und in denen ihre Arbeit respektiert, anerkannt und geschützt wird.