Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt bleibt weltweit ein zentraler gesellschaftlicher Aushandlungsbereich, in dem Anerkennung, Rechte und soziale Teilhabe weiterhin ungleich verteilt sind. Der 17. Mai – der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT) – markiert diesen Zusammenhang historisch wie politisch. Er erinnert an die Streichung von Homosexualität aus der internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen durch die Weltgesundheitsorganisation im Jahr 1990 und steht zugleich für die anhaltende Notwendigkeit, Diskriminierung sichtbar zu machen und ihr entgegenzutreten.
Auch mehr als drei Jahrzehnte später zeigen Studien und Menschenrechtsberichte, dass Diskriminierung nicht allein als individuelles Fehlverhalten verstanden werden kann, sondern in gesellschaftliche Strukturen, Institutionen und Normvorstellungen eingelassen ist. Sie entscheidet darüber, welche Lebensweisen als legitim gelten, welche Sicherheit erhalten und welche systematisch marginalisiert werden.
Im Bereich der Sexarbeit wird diese Verschränkung besonders deutlich. LSBTIQ*-Sexarbeiter*innen sind häufig mit mehrfachen Formen von Stigmatisierung konfrontiert: sowohl im Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität als auch aufgrund der gesellschaftlichen Bewertung von Sexarbeit selbst. Diese Überlagerung verstärkt Risiken, erschwert den Zugang zu Gesundheitsversorgung, rechtlichem Schutz und gesellschaftlicher Anerkennung und beeinflusst, welche Erfahrungen überhaupt sichtbar werden.
Die Sexarbeitsaktivistin Carol Leigh formuliert diese gesellschaftliche Zuschreibung und Selbstpositionierung klar:
„Ich bin Sexarbeiterin. Ich bin keine Kriminelle. Ich bin keine Krankheit. Ich bin eine Arbeiterin.“
Diese Aussage verweist darauf, dass die Deutung von Sexarbeit nicht neutral ist, sondern durch normative Vorstellungen von Arbeit, Moral und Geschlecht geprägt wird, die bestimmte Gruppen systematisch abwerten und andere absichern.
Auch internationale Netzwerke aus der Sexarbeits- und Gesundheitsarbeit betonen seit Jahren, dass Stigmatisierung selbst ein zentraler struktureller Risikofaktor ist. Sie wirkt nicht nur auf individueller Ebene, sondern strukturiert Zugänge zu Rechten, Versorgung und gesellschaftlicher Anerkennung.
Vor diesem Hintergrund verweist der IDAHOBIT nicht allein auf individuelle Diskriminierungserfahrungen, sondern auf die Notwendigkeit, gesellschaftliche Normen, Wissensordnungen und institutionelle Strukturen kritisch zu hinterfragen. Die Sichtbarmachung geschlechtlicher und sexueller Vielfalt, insbesondere auch innerhalb von Sexarbeit, bleibt eine zentrale Voraussetzung für eine diskriminierungskritische Gesellschaft, in der Selbstbestimmung, Schutz vor Gewalt und soziale Teilhabe nicht eingeschränkt werden.