Am 18. Oktober ist EU-Tag gegen Menschenhandel. Menschenhandel muss konsequent bekämpft werden. Genau deshalb ist uns bei Madonna e.V. eine klare Unterscheidung wichtig: Sexarbeit ist nicht Menschenhandel.
Worum geht es an diesem Tag?
Der EU-Tag gegen Menschenhandel wurde 2007 von der Europäischen Kommission eingeführt. Er soll das Bewusstsein für Menschenhandel schärfen und den Austausch von Wissen und bewährten Vorgehensweisen zwischen den Akteur*innen in diesem Feld fördern. (EUDA, EU Anti-Trafficking Day)
Menschenhandel bedeutet, dass Menschen durch Täuschung, Zwang, Gewalt oder das Ausnutzen einer Notlage in Ausbeutung gebracht und dort gehalten werden. Das passiert in der Landwirtschaft, auf Baustellen, in Privathaushalten, in der Pflege, in der Gastronomie, der Fleischindustrie und der Paketlogistik, und es kommt auch in der Sexarbeit vor. Entscheidend ist nicht die Tätigkeit, sondern der Verlust von Selbstbestimmung und Entscheidungsfreiheit.
Unsere Position
Als Fachberatungsstelle für Sexarbeiter*innen in Bochum verstehen wir Sexarbeit als Arbeit. Wir beraten akzeptierend und ergebnisoffen: Was jemand braucht, bestimmt die Person selbst, nicht wir. Ein Ausstieg ist für uns nicht das vorrangige Ziel, sondern eine von mehreren Möglichkeiten, wenn jemand ihn möchte.
Wir erleben, wie schädlich es ist, wenn Sexarbeit und Menschenhandel in Politik und Medien gleichgesetzt werden. Alle Sexarbeitenden werden dann pauschal zu Opfern erklärt, ihre Selbstbestimmung wird bestritten, und die Stimmen derjenigen, die tatsächlich Zwang und Ausbeutung erleben, gehen in einer einseitigen Debatte unter. Auch das European Sex Workers' Rights Alliance (ESWA), ein von Sexarbeiter*innen geführtes Netzwerk mit über 100 Mitgliedsorganisationen, warnt, dass diese Gleichsetzung neue Risiken für Menschen in der Branche schafft. (ESWA, About)
Wer wirklich gegen Ausbeutung vorgehen will, muss Menschen Rechte geben, statt sie zu bestrafen.
Warum Vertrauen entscheidend ist
Wer Hilfe sucht, muss darauf vertrauen können, dass daraus keine neuen Probleme entstehen. Wo Menschen Strafen, Bußgelder, aufenthaltsrechtliche Folgen oder ein ungewolltes Outing fürchten, melden sie sich seltener bei Beratungsstellen oder der Polizei. Dann bleibt Ausbeutung unsichtbar.
Deshalb lehnen wir Verbote und zusätzliche Repression ab. ESWA weist darauf hin, dass mehrere EU-Staaten die nicht bindenden Vorgaben der EU-Richtlinie gegen Menschenhandel so ausgelegt haben, dass Kund*innen von Sexarbeiter*innen bestraft werden, unabhängig davon, ob eine Person tatsächlich Opfer ist. Das Netzwerk fordert, Sexarbeiter*innen und ihre Organisationen an der Bewertung der Richtlinie zu beteiligen. (ESWA, EU Anti-Trafficking Day 2021) Von Sexarbeiter*innen geführte Organisationen arbeiten außerdem eng mit Anti-Menschenhandels-Initiativen zusammen und leisten einen eigenen Beitrag zur Prävention von Ausbeutung. (ESWA, EU Anti-Trafficking Day 2024)
Was wir uns wünschen
- ✓Entkriminalisierung der Sexarbeit, damit Hilfe suchen keine Gefahr bedeutet
- ✓Konsequente Strafverfolgung von Menschenhandel in allen Branchen, nicht nur in der Sexarbeit
- ✓Sicheres Aufenthaltsrecht und umfassender Opferschutz, unabhängig von der Aussagebereitschaft
- ✓Dauerhaft finanzierte Fachberatungsstellen und Selbstorganisationen, die vertraulich und parteilich arbeiten
- ✓Eine sachliche Debatte, in der Sexarbeiter*innen selbst zu Wort kommen
Für eine Zukunft, in der Menschen frei von Ausbeutung leben und arbeiten können und Betroffene Schutz statt Stigma erfahren!